![]() |
Startseite - Technik |
|
Test Ins Netz gestellt November 2003 |
Ein ENDURO-Trike wird auf Festigkeit geprüft.
In der großen Halle ist es mucksmäuschenstill. Nur das Surren der Hydraulikpumpe ist zu hören. Bernd liest immer wieder den aktuellen Lastwert vor. "Tausenddreihundert Kilo - tausendvierhundert Kilo - tausendfünfhundert Kilo ...". Ein Sitzgurt knarzt. Könnten die Gurte eine Schwachstelle sein?
"Tausendsechshundert Kilo - tausendsiebenhundert Kilo". Alle warten bange auf den Knall, den die Bauvorschriften lapidar als "schlagartiges Versagen des Festigkeitsverbandes" bezeichnen. Irgendwann muss das gefürchtete Geräusch ja kommen.
Tausendachthundert Kilo - tausendneunhundert Kilo". Der verteufelte Sitzgurt knarzt schon wieder. Jeder hält den Atem an.
"Zweitausend Kilo - zweitausendeinhundert Kilo". Die Stahlseile sind gespannt wie Klaviersaiten. Armdicke Träger sind sichtbar verbogen. Biegen dürfen sie, denn wir sind längst über der sogenannten sicheren Last. Sie dürften sogar nach dem Versuch verbogen bleiben, nur brechen sollte jetzt noch nichts.
"Zweitausendzweihundert Kilo - zweitausenddreihundert Kilo". Auf den Sitzgurten lastet inzwischen das Gewicht eines kleinen Mittelklassewagens. Das Gewicht eines zweites Auto hängt an der Motoraufhängung. Dabei wiegt das Trike, das dieses enormen Lasten tragen muss, nur wenig mehr als 50 kg.
"Zweitausendvierhundert Kilo - zweitausendvierhundertfünfzig Kilo". Mit einem "o. k., es reicht" löst Kersten Ebeling, der Prüfer des DULV, die Spannung. Die Kraft am Anhängepunkt der Tragfläche, so wird die elektronische Aufzeichnung später ergeben, war bei 24451 N, das entspricht der Masse von 2492 Kilo, also rund 2 1/2 Tonnen!
Das ENDURO hat als erstes Trike diesen schwierigen Test für die zukünftigen Bauvorschriften erfüllt. Nach der Entlastung der hydraulischen Zugvorrichtung steht das Trike ganz harmlos da, so als ob nichts gewesen wäre. "Keine bleibende Verformung bei der von den Bauvorschriften geforderten Bruchlast, das ist saugut" meint Andreas.
Der Motorträger ist mit dem oben beschriebenen Festigkeitstest nicht ausreichend geprüft. Deshalb waren schon vorher spezielle Belastungsversuche am Motorträger durchgeführt worden. Mit rund 600 kg nach unten, mit 900 kg nach vorne und mit 300 kg seitlich wurde gecheckt, ob das Triebwerk auch bei extremer Belastung da bleibt, wo es hin gehört. Einige der Werte liegen über dem, was die Bauvorschriften verlangen - aber sicher ist sicher.
Aber die Belastungen am Motorträger waren simpel. Der Träger für das Triebwerk ist ein neu entwickeltes Bauteil, das für die geforderten Lasten ausgelegt ist. Das sollte dann wohl auch halten.
Viel schwieriger sind die Versuche am Trike. Es wird eine Startmasse von 472,5 kg angestrebt. Das ist bei entsprechender Auslegung gewiss erreichbar, aber Vater und Sohn Schmidtler haben etwas besonderes vor. Sie wollen diese Last mit den bisher ausgelieferten Seriengeräten erreichen. Gelingt dies, so könnten alle in der Vergangenheit ausgelieferten Doppelsitzer-ENDURO in den Genuss der demnächst gültigen erhöhten Abflugmasse kommen. Damit das funktioniert muss allerdings das ENDURO, das bisher für 400 kg Abflugmasse zugelassen war, ohne Änderung rund 20% mehr aushalten, als ursprünglich vorgesehen. Ob das klappt? "Schaun wir mal, dann sehn wir's schon" meint Andreas, "wir haben ja damals alle Teile für ein paar Newton mehr ausgelegt als für 400 kg nötig gewesen wären." Zudem hat das ENDURO-Trike mit den vorhergegangenen Festigkeitstest ja schon die halbe Miete in der Tasche.
472,5 kg sind das Ziel. Da bleiben bei einer Motormasse von rund 100 kg, bei einem Trike von etwas mehr als 50 kg, bei einer Tragfläche und einem Rettungsschirm von insgesamt 65 kg, bei einem Gewicht von Pilot und Passagier entsprechend der Bauvorschrift von 160 kg und bei 60 Liter Sprit fast 50 kg Reserve. "Freie Zuladung" nennen Vater und Sohn Schmidtler diese 50 kg. "Da kann dann schon eine Tafel Schokolade zusätzlich in die Packtaschen". Sie lachen, denn sie wissen, für die meisten Ultraleichtflugzeugen fällt der Wert der "freien Zuladung" negativ aus.
Während Andreas das Trike für den nächsten Versuch vorbereitet kommen die Anwesenden doch noch in den Genuss eines "schlagartigen Versagens". Das Knarzen des Sitzgurtes hat Bernd erheblich gestört. "Den belasten wir bis Bruch, dann wissen wir, was los ist." Ein gebrauchter Sitzgurt wird ausgebaut und in die hydraulische Zugmaschine gespannt. In Trike halten zwei solche Gurte den Sitz, das Versuchsobjekt muss deshalb nur die Hälfte der tatsächlichen Sitzlast tragen.
Bei einer Zugkraft von 17693 N (etwas mehr als 1800 kg) birst der Gurt mit einem ohrenbetäubenden Knall. "17.000 Newton, das sind 3400 Kilo auf zwei Gurten. Bei einem Gewicht von Pilot und Passagier von je 80 Kilo ist das irgendwo in der Gegend von 20 g. Da ist der Pilot längst bewusstlos, da brauchen wir nicht mehr genau nachrechnen" ist der Kommentar von Bernd.
Inzwischen ist das Trike präpariert für den nächsten Versuch. Die Bauvorschriften verlangen einen Aufschlag mit einer Sinkgeschwindigkeit von 2 m/sec, ohne dass sich das Gerät verformt.
Um die Masse der Tragfläche zu simulieren sind am Anhängepunkt der Fläche Stahlscheiben befestigt. Das Pilotengewicht ist ersetzt durch Bleiklötze mit rund 220 kg. Die 472,5 kg sind damit immer noch nicht erreicht. Deshalb werden die Tanks nicht mit Benzin, sondern mit Wasser gefüllt. Durch das höhere spezifische Gewicht des Wassers ist die erforderliche Masse endlich erreicht.
Hochheben
lasst sich das Trike jetzt nur noch mit einem Kettenzug. DULV-Prüfer
Kersten checkt an der Federwaage noch einmal die Gesamtmasse. "475 kg, die
Last ist jetzt o.k.".
Andreas löst den Versuch aus. Das Trike knallt auf den Boden - und ein Tank fällt
aus der Verankerung. Nicht die stabil dimensionierte Tankaufhängung ist
gebrochen, sondern durch den Schock im Aufschlag und die Rückfederung hat sich die Einhängung des
Befestigungsbandes gelöst.
"So ein Mist" kommentiert Andreas den Fehlversuch. "Nix Mist" entgegnet Bernd. "Damit wir Fehler finden machen wir den ganzen Zirkus." Natürlich wird die Tankaufhängung in der Serie gesichert.
Der Versuch wird wiederholt. Eine Sicherung verhindert einen zweiten Fehlversuch. Wieder zählt Andreas rückwärts "Drei - Zwei - Eins - Ab" und löst den Versuch aus. Fotoapparate Klicken (wie üblich eine zehntel Sekunde zu spät). Das Trike fällt. Knapp eine halbe Tonne belasten im Aufschlag das Fahrwerk. Mit dem Auge lässt sich der Ablauf nicht mehr nachvollziehen, dazu geht die Sache viel zu schnell. Es poltert aber ganz erheblich.
Durch Kabelbinder an den Gasfedern ist erkennbar, wie weit die Federelemente im Aufschlag beansprucht waren. Die Markierungen sind um weniger als 50% des vorhandenen Federweges verschoben. Der "Normaufschlag" gemäß Bauvorschriften hat das Fahrwerk des ENDURO nicht wirklich gefordert. Am Trike sind keinerlei Verformungen feststellbar. "Da wäre schon noch mehr drin gewesen" sagt irgend jemand. Aber mehr als verlangt schadet nicht, besonders nicht bei der Federung. Zuweilen sollen Landungen ja nicht so ganz schulbuchmäßig ablaufen.
"Und wann ist das Trike lieferbar" werden Vater und Sohn Schmidtler am Ende des Versuchstages gefragt. Aber eigentlich kennt jeder die Antwort der beiden. Sie haben diese Frage schon oft mit dem gleichen Satz beantwortet: "Wenn es fertig ist."
Der Tag war sicher ein großer Schritt in diese Richtung.
Nachtrag: Etwas zum Schmunzeln