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Stipvisite nach Frankreich (geschrieben Herbst 2002) |
Dass
bei einer Woche Flugurlaub einige Tage am Wetter scheitern ist normal. Aber was
diesmal ablief war alles andere als normal. Am dem Sonntag, an dem wir starten
wollten, war das halbe Sachsen weggeschwemmt. Passau lag weitgehend nicht mehr
an, sondern unter der Donau und in Regensburg, nur wenige Kilometer neben
unserem Heimatflugplatz, kämpften Hundertschaften an den Hochwasserdämmen. An
UL-Fliegen war nicht zu denken. Auch am Montag regnete es in Strömen. Erst am
Dienstag vertrieb ein heftiger Sturm die Niederschläge. Na, versuchen wir es
eben am Mittwoch.
Als wir gegen Mittag die Maschinen aufrödeln ist die
Gemütslage etwas gedrückt. Ursprünglich war ein Flug zu den Altiports in
Frankreich geplant. Diese an den Berg geklebten Landebahnen in den
französischen Alpen haben es uns schon lange angetan. Mit den verbleibenden
dreieinhalb Tagen ist ein Flug zu den Altiports unmöglich. Weil aber im Norden
und Osten überall der Hochwasser-Ausnahmezustand herrscht geht es trotzdem nach
Westen. Tannheim ist unser erstes Ziel.
Wir,
das sind Andreas, der gemeinsam mit seiner Freundin Anne ein ENDURO
fliegt,
Dirk
(solo in der Maschine) und
Bernd
(ebenfalls solo in der Maschine).
In Tannheim stößt Christian zu uns, der seine Tochter
als Passagier dabei hat.
Max, der Platzhalter von Tannheim wirft abends den Grill
an. Als wir satt bei einem Weißbier neben den vier aufgetankten ENDURO‘s und
den aufgebauten Zelten den weiteren Flug besprechen ist die trübe Stimmung
längst verflogen. Wenigstens ein bißchen nach Frankreich reinschauen wollen
wir, vielleicht bis Mülhausen oder sogar bis Montbeliard.
Der folgende Donnerstag, ein Feiertag, beginnt mit einem
prächtigen Flug. Vorbei an Donaueschingen fliegen wir in den Schwarzwald. Still
liegt der Titisee unter uns und still ist auch noch die Luft. Wie auf Schienen
gleiten die vier ENDURO’s nach Freiburg und zum nahegelegenen Bremgarten.

Nach der Landung denkt niemand mehr an Mülhausen oder
Montbeliard. Wenn wir uns beeilen können wir viel weiter in den Süden kommen.
Tanken, Flugplanabgabe, die Karten neu falten und richtig im Kniebrett
verstauen, Anflugkarten kopieren – alles sollte möglichst schnell und
möglichst zugleich passieren. Wie war das mit den französischen
Tiefflugstrecken, sind die an Feiertagen aktiv? Irgendwo fehlt eine
Platzfrequenz, weder Bottlang noch die französische ICAO-Karte geben Auskunft.
Natürlich hat dann auch noch die AIS eine Rückfrage zum Flugplan. Ausgerechnet
für unsere Trikes wollen sie einen Ausweichflugplatz wissen. Mit der ehrlichen
Antwort "die nächste Wiese" geben sie sich zufrieden.
Als wir schließlich wieder in der Luft sind gilt es zuerst, der UL-freien Zone Schweiz auszuweichen. Vorbei an Mülhausen fliegen wir in Richtung Montbeliard. Erst ab dort können wir in Richtung auf unser Ziel Oyonnax steuern.
Das Land unter uns erinnert an eine riesige Alm, ein leicht hügeliges Wiesenland erstreckt sich bis zum Horizont. Die Gegend ist nur dünn bevölkert, größere Ansiedlungen fehlen. Langsam kommt die erste Thermik auf. Sanft schaukeln wir in unseren Trikes über die Landschaft.
Nach etwa einer Stunde ändert sich die Gegend. Die Täler
werden tiefer, die Berge sind bewaldet und die ersten Seen tauchen auf. Die
Flüsse sind häufig zu langgestreckten Stauseen aufgespeichert. Zuweilen sind
kleine Kurskorrekturen nötig, denn die Notlandeplätze werden seltener.
Kurz nach einem solchen Stausee taucht das erste größere Städtchen auf, unser Ziel Oyonnax. "Groß" ist relativ zu der vorher nahezu unbesiedelten Land zu verstehen. Der Ort hat drei oder vier Hotels, einen "Gare SNFC" (Bahnhof) und – wie könnte es in Frankreich anders sein – einige ausgezeichnete Lokale. Und, nicht zu vergessen, in der Route de Dortan den Aeroclub J. Coutty. Dieser wiederum hat in Norden des Städtchens das, was wir jetzt brauchen, nämlich den Flugplatz Oyonnax-Arbent.
Der Anflug läuft französisch - wir funken den Platz an, die Flugleitung funkt nicht zurück. Wozu auch? Wir wollen landen, warum sollen dann nicht auch wir bestimmen, wie wir den Platz anfliegen? Jeder gibt hier am Funk durch was er vor hat, jeder passt auf jeden ein bisschen auf, die Flugleitung mischt sich nicht ein. Hier läuft alles mit viel Laisser-faire, aber trotzdem reibungslos und perfekt.
Der Tag endet mit einem kleinen Stadtbummel, einem frischen Rosé und einem fabelhaften Essen. Nein, es folgt keine Beschreibung, böse Zungen unterstellen mir ohnehin, meine Flugplanung sei einzig nach Gaststätten ausgerichtet und anstelle der ICAO-Karte hätte ich Speisekarten im Kniebrett.
Bei dem Stadtbummel fallen uns die vielen
kunststoffverarbeitenden Firmen mit ihren diversen Zulieferbetrieben auf. Das
Tal von Oyonnax war in der Vergangenheit karg und arm. Seit etwa dem fünften
Jahrhundert (!) haben die Bewohner für ihren Lebensunterhalt Kämme geschnitzt.
Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich das Material, die Kämme wurden aus
Kunststoff gefertigt. Daraus entwickelte sich eine blühende Industrie. Oyonnax
gilt heute als "Plastic Vallée.
Die Nacht zum Freitag bringt kräftigen Nebel, am Morgen
sind die Zelte und Schlafsäcke feucht und klamm. Die Sicht ist Null. Erst nach
Auflösung der Waschküche können wir in die Luft. Dafür gibt es dann eine
besondere Augenweide, den Blick zu dem knapp 100 Kilometer entfernten Mont
Blanc. Fast unwirklich erhebt sich das gigantische Massiv über der Inversion.
Nur eine Flugstunde waren wir vom Altiport Megevé entfernt, dem idealen
Ausgangspunkt für einen Flug zu dem großen weißen Berg. Ein leichter
Gegenwind erinnert uns daran, dass wir diesmal nicht genug Zeit für die
Altiports mitgebracht haben.

Zeitmangel verhindert auch eine Landung auf dem Flugplatz
in Besancon. Wir sehen uns die Piste aus der Vogelperspektive an, kurven nahe
der Altstadt und drehen ab, um entlang dem Flüßchen Doubs nach Montebeliard
weiterzufliegen.
Montebeliard bietet wieder einen "französischen"
Anflug. Wir funken den Platz an, die Flugleitung funkt nicht zurück, aber das
kennen wir ja nun schon.
Denkste! Diesmal ist es nicht französische Laisser-faire,
sondern ein geschlossener Flugplatz. Nach der Landung stehen wir
mutterseelenallein auf dem Vorfeld. Erst einige Zeit später kommt ein E-Pilot
des örtlichen Luftsportvereins.
In Deutschland hätte es sicher einen Anschnauzer wegen der Landung auf einem geschlossenen Platz gegeben. Indes, wir sind in Frankreich, der Mann bedauert, Benzin ist heute nicht erhältlich und in der Flugleitung ist niemand da, um den Flugplan zum Grenzüberflug aufzugeben.
Aber
für alle Piloten, die auf dem geschlossene Platz landen, hängt an der
Flugleitung ein Zettel mit den entscheidenden Angaben für den Weiterflug,
nämlich der Telefonnummer der AIS und des nächsten Taxiunternehmers. Langsam
keimt in uns der Verdacht, dass die Praxis westlich des Rheins eigentlich viel
intelligenter ist als bei uns.
Wieder einmal bewähren sich die ausbaubaren Tanks des
ENDURO’s. Wir fahren per Taxi mit den leeren Behältern zur nächsten
Tankstelle – und natürlich auch in einen Supermarkt, denn das Flugplatzlokal
ist ebenfalls geschlossen. Das anschließende Picknick auf dem Vorfeld zeigt, dass es ein französischer Supermarkt war. Einige Baguette, verschiedene
exzellente Käse, Oliven, vortreffliche Pasteten, etliche Salate ... – ist
gut, ich hör ja schon auf und schreibe im nächsten Absatz nicht übers Essen.
Das fällt schwer, denn unser nächstes Ziel ist wieder
Bremgarten mit dem Flugplatzlokal "die Eule". Aber, versprochen ist
versprochen, kein Wort über das vorzügliche Essen und die großartigen
badischen Weine.

Deren Anbaugebiete liegen am folgenden Morgen unter
unseren Flächen. Wir fliegen rheinaufwärts, vorbei an Basel in Richtung
Schaffhausen. Die nahe Schweizer Grenze und die Kontrollzone von Basel bestimmen
Route und Höhe. Etwas später überqueren wir bei Überlingen den Ausläufer
des Bodensees, und nehmen am östlichen Ufer Kurs auf Lindau. Unser Ziel ist der
Flugplatz Wildberg, "der fliegende Bauer".

Es tut mir ja wahrhaftig leid, aber damit sind wir schon
wieder beim Essen. Der direkt neben der Bundesstraße 12 gelegene Flugplatz ist
klein, buckelig und hat keinen Sprit. Dafür ersetzt ein beliebtes und
empfehlenswertes Ausflugslokal die Flugplatzkantine. Abermals werden die Tanks
ausgebaut, der hilfsbereite Flugleiter leiht uns sein Auto und in einer
nahegelegenen Tankstelle wird Sprit gebunkert. In die Luft geht es aber erst
nach einem ausgiebigen Test des Restaurants. Wir kommen einstimmig zu dem
Ergebnis, der Flugplatz Wildberg bekommt 12 von 10 möglichen Punkten.
Ein paar Flugstunden später landen wir in der
Abenddämmerung auf unserem Heimatplatz Griesau. Ich kann es kaum glauben, dass
wir erst vor etwas mehr als 3 Tagen hier gestartet sind. Der Ausflug war kurz,
aber reizvoll.
Tips für Piloten
Gesamtstrecke Luftlinie ca. 1240 km, geflogene Strecke etwa 1500 km.
Griesau: Öffnungszeit im Sommer normalerweise Sa.+So.; Avgas; Flugplatzlokal.
Tannheim: Öffnungszeit normalerweise immer; Superbenzin, ausgezeichnetes Lokal.
Bremgarten Öffnungszeit normalerweise immer; Superbenzin, ausgezeichnetes Lokal.
Oyonax Öffnungzeit praktisch immer ("wir nehmen die Piste Abends nicht mit nach Hause"), Tankstelle an der Straße direkt neben der Flugleitung, kein Flugplatzlokal.
Montbeliard, zum Thema Öffnungszeit siehe im Artikel, Tankstelle mit Avgas, Kantine, Zoll.
Zum fliegenden Bauern, ausgezeichnetes Lokal, kein Sprit.
Zum Thema UL-Fliegen in Frankreich siehe auch Frankreich.