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Mit dem Trike
nach Polen

Veröffentlicht 1996 im DULV-Info 6

Einige UL-Piloten aus Griesau bei Regensburg sind mit dem Trike nach Polen geflogen. Ein Flug mit Hindernissen und sehr viel Regen. Bernd Schmidtler schrieb darüber den folgenden Artikel für das DULV-Info.

 

Wie immer stand am Anfang des Fluges ein Hirngespinst. Bei einem Wochenendflug nach Görlitz saß ich an der Neiße und spähte ans andere Ufer - nach Polen. Da sollten wir eigentlich mal rüberfliegen, nach Breslau, Stettin, Danzig, zu den Masurischen Seen.....

Leider war kein Bottlang Airfield Manual für Polen zu bekommen. An einem regnerischen Samstag, der Sommer hatte ja genügend davon, telefoniere ich mit dem international Airport Wroclaw Strachowice (früher Breslau). "Können wir mit unseren UL's bei Euch landen?" Der Controller antwortet mit einer Gegenfrage "Können Sie fliegen?" Verblüfft stotterte ich "Ja, ich denke schon". "Dann können Sie auch bei uns landen!" Eine weitere telefonische Rückfrage in Szczecin Goleniow (Flughafen des früheren Stettin) ergibt eine ähnlich positive Antwort.

Na, wenn das so einfach ist, dann probieren wir es. Wenigstens bis Breslau wollen wir kommen.

Regen im Bayerischen Wald

An einem Samstag stehen "Doc" Manfred Lucas, Harry Müller-Szoturma und ich, jeder mit einem ENDURO in der Long-Range-Version, startbereit in Griesau - im strömenden Regen. Erst am späten Nachmittag scheint sich das Wetter zu bessern, wir starten. Kaum sind wir über dem Bayerischen Wald, beginnt es wie aus Kübeln zu gießen. Wir retten uns mit der GPS-Funktion "NEXT WAYPOINT" zu unserm Nachbarplatz Schmidgaden. "Beachten Sie die starke Sichtbehinderung durch extreme Schauer" empfängt uns dort die Flugleitung. "Gut daß die uns das sagen, sonst hätten ich es kaum gemerkt" meint Doc, als wir im strömenden Regen aus etwa 2 km Entfernung schemenhaft den Platz erkennen.

"Verglichen mit so einem Flug ist ein Sonntagsspaziergang in einer Autowaschanlage eigentlich noch recht vernünftig" kommentiert Harry unsere erste Etappe. Als die Klamotten wieder halbwegs trocken sind fliegen wir kurz vor Sonnenuntergang noch bis Weiden. 80 km an einem Tag - wenn das so weitergeht kommen wir in einer Woche allenfalls bis Berlin.

Tanken aus der Vogtländischen Gallone
Der folgende Tag ist etwas besser. Es bläst zwar ein strammer Gegenwind, aber, gottseidank, es regnet nicht. In Auerbach wird aus einer Gießkanne vollgetankt, mit trockenem Humor bezeichnen die dortigen Piloten den Inhalt als "Vogtländische Gallone". Mit Zwischenstop in Großrückerswalde geht es weiter nach Görlitz.

Bei einer früheren Landung habe ich dort einen 3-Achser-Piloten, den Taxi-Peter, kennengelernt. Eigentlich heißt der ja Dieter Peter, aber da er ein Taxiunternehmen hat, nennt ihn jeder Taxi-Peter. Er hat schon damals - genau wie diesmal - bei der Quartiersuche, beim Spritholen etc. geholfen. Merci Dieter. Mit seinem C22 will er sich unserem Trip bis Breslau anschließen.

Noch am Abend holen wir den Wetterbericht für den kommenden Tag und geben per Fax bei AIS Berlin den Flugplan auf. Der Wetterbericht sieht gut aus, aber von Berlin kommt eine Rückfrage "Welche VFR-Route wollen Sie in Polen?" - "VFR-Route???" "Sie müssen in Polen festliegende VFR-Routen fliegen!" Die Flugsicherung faxt uns eine Liste "TRASY LOTNICZE VFR", wir sitzen bis Mitternacht und programmieren die wichtigsten Strecken ins GPS.

Am folgenden Morgen klappt die grenzpolizeiliche Abfertigung nicht. Wir verschieben den Flugplan um 2 Stunden. Nach langem hin und her ist ein Weg gefunden, dem Einflug nach Polen steht nichts mehr im Weg. Harry führt ein letztes Telefongespräch mit Met Berlin - und kommt mit tiefbetrübtem Gesicht zurück.

Regen in Polen

In der Nacht hat sich in Polen ein großräumiges Tiefdruckgebiet aufgebaut. An einen Flug nach Breslau ist nicht zu denken. In wenigen Stunden, so prophezeien uns die Meteorologen, wird es auch in Görlitz regnen. Das wollen wir lieber nicht abwarten, wir verabschieden uns von Taxi-Peter und versuchen, zwischen Berlin und der polnischen Grenze zur Ostsee zu kommen. Vielleicht gelingt und ein Flug entlang der Ostseeküste nach Polen?

In Eggersdorf, einem sehr netten Platz östlich von Berlin, gibt es ein verspätetes Mittagessen. Der weitere Flug entlang der Oder bietet phantastische Wolkenbilder, wenigstens hierfür ist das polnische Tiefdruckgebiet gut. Am Abend sind wir in Anklam. Das Wetter? Na ja, wir sind froh, daß unsere ENDURO's in einem Hangar stehen.

Am nächsten Morgen ist das Wetter besser, der Wetterbericht rechnet äußerstenfalls am Nachmittag mit vereinzelten Gewittern. In Anklam gibt es am Platz Normalbenzin, der nahe Zollflugplatz Heringsdorf ermöglicht innerhalb von 30 Minuten eine PPR-Grenzabfertigung, alles klappt prima. Entlang dem Oderhaff nähern wir uns Polen, Mittags überfliegen wir die Grenze. Eine geheimnisvolle Dunstschicht über der Oder erweist sich als Abgaswolke eines polnischen Industriekomplexes. Kurze Zeit später nehmen wir mit Szczecin Goleniow Funkkontakt auf: "D-MXSB, formation three Ultralights, VFR from Germany, request landing information".

Der Flugplatz Szczecin Goleniow ist riesengroß. Abfertigungsgebäude mit Gepäckfördebändern, VIP-Räumen, ein Meteorologe am Platz, Tankwagen, Löschfahrzeuge, alles, was an einem international Airport erwartet werden kann, steht zur Verfügung. Das einzige, was fehlt, ist Flugbetrieb. Ich vermute, wir sind die einzigen, die an diesem Tag in Goleniow landen.

Wahrscheinlich sind wir hier überhaupt die ersten Trikes. Von der Towerbesatzung über die ATC-Managerin bis zum Wachpersonal will jeder die Geräte erklärt bekommen. Zum Tanken (Avgas 1 US-$ pro Liter) fährt nicht nur ein riesiger Tankwagen zu unseren ENDURO's, sondern zusätzlich ein noch größeres Löschfahrzeug.

Für einen weiteren Flug entlang der Ostseeküste durch Polen bekommen wir keine Freigabe, ein Manöver des polnischen Militärs steht dem entgegen. Wir entschließen uns, noch am gleichen Tag nach Deutschland zurückzufliegen.

Regen an der Ostsee

"Nur vereinzelte Gewitter an der Ostseeküste" hatte der Wetterbericht prophezeit. Klar, eines der "vereinzelten Gewitter" steht genau über unserem Ziel Heringsdorf. Wir kreisen mehr als eine Stunde in sicherem Abstand, ehe der Zollplatz anfliegbar wird.

Der folgende Tag entschädigt uns innerhalb weniger Stunden für das ganze Schmuddelwetter der übrigen Reise. Nach einem kurzen Aufenthalt in Anklam und Peenemünde fliegen wir nach Rügen.

Die berühmten Kreidefelsen von Rügen
Der Flug rund um diese Ostseeinsel ist von unbeschreiblicher Schönheit. Die berühmten Kreidefelsen tönen das Wasser, es entstehen Farbabstufungen der See vom dunkeln Blau über leuchtend helles Grün bis zu milchigem Weiß. Durch die ausgewaschene Kreide werden Meeresströmungen sichtbar. Schroffe Klippen wechseln mit nahezu farbgleichen Übergängen zwischen Land und Wasser. Untiefen, Sandbänke und die bizarre Küstenlinie ergeben phantastische Bilder. Aus unserer Vogelperspektive variiert die Ansicht ständig. Wir sind fasziniert.

Ähnlich grandiose Eindrücke habe ich bisher nur bei Flügen im Hochgebirge erlebt. Keine Sekunde möchte ich mit einer geschlossenen Maschine tauschen. Lieber tagelang "in der Autowaschanlage", als bei einem solchen Erlebnis hinter einer Scheibe sitzen.

Am Nachmittag landen wir mit starkem Querwind in Barth.

Regen beim Rückflug

Der Rückflug führt zuerst über einige Zwischenstationen nach Stölln, anläßlich des 100. Todestages von Otto Lilienthal treffen wir uns dort mit einigen weiteren Trike-Piloten aus Bayern. Gemeinsam geht es über Kyritz, Rechlin und Magdeburg nach Zwickau, wo uns Regen zu einem Tag Pause zwingt.

Auch am nächsten Tag ist die Sicht bescheiden. Wir starten trotzdem zum Heimflug nach Süden. Bereits in Auerbach müssen wir wieder runter, die aufliegende Wolkendecke läßt keine andere Wahl. Nach einigen Stunden ist die Ceiling angestiegen, wir versuchen nochmals, über das Fichtelgebirge zu kommen. Der Vorstoß ertrinkt in einem Platzregen. Der nahegelegene kontrollierte Platz Hof hat keine UL-Zulassung, aber die Flugsicherung betrachtet den Wolkenbruch als Notfall. Dankbar schließen wir uns dieser Meinung an und retten uns mit QDM und GPS pudelnaß nach Hof.

Harry meint "Wenn ich nicht wüßte, daß sich diese Kiste in jedem Kartoffelacker notlanden läßt, ...." Er braucht nicht weiterzusprechen. Jeder von uns hätte eine Außenlandung gemacht, ehe die Erdsicht endgültig verschwindet. Es ist aber auch jedem klar, daß wir unmittelbar vor dieser Situation waren. "Sichtflug mit zuwenig Sicht - ist - Mist" philosophiert Doc.

Um nach dem Ende des Regengußes starten zu können trocknen wir auf dem Flugplatz-WC mit dem Fön unsere Ausrüstung. Die Mühe hätten wir uns sparen können - bis zum Einbruch der Nacht schüttet es weiter.

Am folgenden Tag schleichen wir unter tiefhängenden Wolken über das Fichtelgebirge. Vorbei an Weiden und Schmidgaden fliegen wir im Naabtal nach Süden. Auf den Hügeln des Bayerischen Waldes liegen noch teilweise die Wolken auf. Erst in Sichtweite unseres Heimatplatzes Griesau ändert sich das Wetter - bei der Landung scheint die Sonne.

 

Tips für Piloten: (alle Angaben unverbindlich)

Gesamtstrecke Luftlinie ca. 1800 km, geflogene Strecke etwa 2700 km.

Griesau: Öffnungszeit im Sommer normalerweise Sa.+So.; Avgas; Flugplatzlokal.

Schmidgaden: Öffnungszeit normalerweise Sa. und So; kleine Kantine zum Kaffeetrinken.

Weiden: Öffnungszeit LT Di.-So. 0900-SS, max. bis 2000; Avgas, anderer Sprit evtl. an der dortigen Flugschule erhältlich; Flugplatzlokal (Pizzeria) und Vereinslokal.

Auerbach: Öffnungszeit "bei fliegbarem Wetter ist immer jemand da"; Avgas, Mogas aus der "Vogtländischen Gallone"; kleine Kantine zum Kaffeetrinken.

Grossrückerswalde: Öffnungszeit normalerweise Sa. und So.; Avgas, nach Tel. Auskunft kann Mogas besorgt werden.

Görlitz: Öffnungszeit LT Winter 0800-1700, Sommer 0900-1800; Zoll O/R; Avgas.

Eggersdorf: Öffnungszeit LT Winter 0800-1600, Sommer 0900-1900; Avgas, anderer Sprit wurde uns von der dortigen Flugschule besorgt; Flugplatzlokal (Mo. geschlossen).

Anklam: Öffnungszeit LT 0800-1800; Avgas, Mogas an einer Tankstelle direkt am Platz, die jedoch nicht immer besetzt ist; gute Unterstellmöglichkeiten für die Maschinen (Höhe auch für Trikes ausreichend); Lokal mit Übernachtungsmöglichkeit wenige Meter neben dem Platz.

Heringsdorf: Öffnungszeit LT 0800-SS; Achtung, CTR! (nur zeitweise aktiviert); Avgas; Zoll O/R; Modernes Abfertigungsgebäude im Bau, dann vermutlich auch ein Lokal am Platz; Übernachtungsmöglichkeit im Vereinsgebäude am Platz; gute Unterstellmöglichkeiten für die Maschinen (Höhe auch für Trikes ausreichend).

Szczecin (Stettin): Öffnungszeit täglich; Zoll am Platz; Achtung - alle Flüge in Polen müssen angemeldet werden und entlang den veröffentlichten VFR-Routen erfolgen; obgleich der Platz ein "international Airport" ist, ist weder ein Laden noch ein Lokal geöffnet, wir waren froh, als uns ein Arbeiter eine volle Wasserflasche geschenkt hat; Avgas.

Peenemünde: Öffnungszeit soweit bekannt im Sommer täglich; in 1995 war ein Fahrradverleih und ein kleiner Kaffeestand am Platz, 96 haben wir das nicht gesehen, allerdings auch nicht danach gefragt.

Barth: Öffnungszeit LT Winter 0800-1800, Sa. + So. + Feiertags 0900-1800, max. bis SS, Sommer 0800-1900, Sa. + So. + Feiertags 0900-1900; Zoll 2 h O/R; Avgas; Flugplatzlokal.

Neubrandenburg: Öffnungszeit LT 0800-2200; Achtung CTR! Avgas; Mehrere Lokale; UL-Flugschule mit Fliegershop am Platz (ICAO-Karten etc.).

Fehrbellin: Öffnungszeit Sa. + So. 0900 - SS +30; Avgas, Mogas; Flugplatzlokal.

Stölln-Rhinow: Normalerweise für UL nicht anfliegbar (siehe auch ergänzende Information unten).

Kyritz: Öffnungszeit LT Sommer 0800-1800; Avgas; Flugplatzlokal; Übernachtungsmöglichkeit am Platz.

Rechlin Laerz: Öffnungszeit LT Winter 0900-1600, Sommer 1000-2000; Flugplatzlokal.

Magdeburg: Öffnungszeit LT 0600-1800; Avgas, Mogas und Normal bleifrei an einer Autotankstelle nur ca. 300 m vom Platz entfernt; großes Hotel mit Lokal am Platz; gute Unterstellmöglichkeiten für die Maschinen (Höhe auch für Trikes ausreichend).

Zwickau: Öffnungszeit LT Sommer 0700-1700, Achtung, vom 1.4 bis 30.9. Sa. + So. + Feiertage kein Start zwischen 1300 und 1500; Avgas und Mogas; Flugplatzlokal; Übernachtungsmöglichkeit am Platz.

Hof: Normalerweise für UL nicht anfliegbar.


Ergänzende Information vom 21. 5. 2003:

Von Johannes Hille erhalten wir folgende Information über Stölln-Rhinow:

"Guten Tag,

ich habe zufällig ihren Reisebericht im Internet gesehen, wobei vermerkt
wird, der Flugplatz Stölln/Rhinow sei für UL normalerweise nicht anfliegbar. Es
ist nicht ganz richtig. Wir haben sogar einen UL-Flieger am Platz.

Weitere Infos: www.edor.org oder www.segelflug.de/vereine/stoelln

Mit freundlichen Grüßen

Johannes Hille
FSV "Otto Lilienthal" Stölln/Rhinow e.V."


Weitere Info über Polen haben wir 2003 von Dr. Michael Cramer erhalten. Der war in Danzig, sein Bericht ist hier.

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