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Lilienthal-Museum

Veröffentlicht 1996 im DULV-Info 3

Zwei Münchner UL-Piloten flogen mit ihren ENDURO-Trikes durch die neuen Bundesländer. Über die Reise und das sehenswerte Lilienthal-Museum in Anklam berichtet Bernd Schmidtler im folgenden Artikel.

Für 4 Frühlingstage haben die Wetterfrösche gutes Flugwetter vorhergesagt. Mein Freund "Doc" und ich wollen diese Zeit nützen und prüfen, ob wir im Winter das Fliegen verlernt haben.

Wir treffen uns am Flugplatz Griesau und diskutieren bei einer Tasse Kaffee die Frage "Wohin fliegen wir?" Budweis? Das Bier lockt, aber für 4 Tage ist Budweis zu nahe. Prag? Schon seit langem wollen wir in Praha-Letnany landen, aber die Strecke ist kaum weiter als Budweis. Über Zell am See auf die Südseite der Alpen? Die Täler sind noch zu verschneit. Nach Norden, Thüringen, Sachsen, die Ostsee, das Otto-Lilienthal-Museum im Anklam? Super, da waren wir noch nie, das ist der Reichweite unserer ENDURO's angemessen.

Der Flug führt über Marktredwitz und Selb zu einer Engstelle in der Höhe von Hof. Im Osten begrenzt die Grenze zu Tschechien die Route, im Westen die Kontrollzone von Hof. Was bleibt ist ein schmaler Streifen bei Rehau, über den wir nach Thüringen einfliegen. Nach einem verspäteten Mittagessen und einer Tasse Kaffe in Gera starten wir weiter nach Magdeburg, wo in einer kleinen Pension übernachtet wird.

Der Flug am nächsten Tag führt zuerst nach Kyritz, Nachmittags nähern wir uns Anklam. Ich sehe aus der Luft Störche kreisen. Es gibt in der nordöstlichen Ecke Deutschlands noch viele dieser schönen Vögel. Lilienthal betrachtete sie als die Lehrer für den Menschenflug; er hat diese phantastischen Segler in seinem Garten gehalten, um Ihren Flug zu studieren.

Nach der Landung in Anklam spricht uns ein junger Mann an: "Ich heiße Gert Rüdiger Chudaske und bin im Anklamer UL-Verein. Wo kommt Ihr her? Können wir Euch irgendwie helfen?" Wir freuen uns über den netten Empfang und fragen nach einer Fahrmöglichkeit zum Lilienthal-Museum. "Das Museum schließt gleich, aber wenn Ihr Euch eine Stunde geduldet bekommt Ihr eine Sonderführung - durch mich. Ich bin dort Mitarbeiter." Begeistert nehmen wir an.

"Es wird seinen ersten Flug nehmen der große Vogel vom Rücken des Hügels aus, das Universum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem Ruhm füllend. Und ewige Glorie dem Ort, wo er geboren ward" prophezeite Leonardo da Vinci 1497 für den ersten fliegenden Menschen. Mit dem Ruhm und der ewigen Glorie ist das offenbar eine recht unsichere Sache, denn erst 100 Jahre nach seinen ersten Flügen wurde Otto Lilienthal ein Museum gewidmet.

Nicht das große Berlin, in dem der "Erfinder der Fliegekunst" arbeitete und lebte, sondern seine kleine, liebenswerte Geburtsstadt Anklam hat dem Andenken des genialen Ingenieurs eine Ausstellung gewidmet. Das Museum ist wie die Stadt, klein und liebenswert. Jeder Besucher spürt sofort, hier haben einige Lilienthal-Enthusiasten mit viel Begeisterung, großem Sachverstand und enormen Engagement eine Sammlung geschaffen, die die Genialität Otto Lilienthals erahnen läßt.

Gezeigt werden Modelle, Fluggeräte und Aufzeichnungen des Erfinders sowie andere Exponate aus den Kindertagen der Fliegerei. Der Gegensatz zwischen den systematischen wissenschaftlichen Arbeiten Lilienthals und den nahezu zeitgleichen, "trial and error"-Flugversuchen anderer zeigt, wieviel die Fliegerei dem großartigen Ingenieur verdankt.

Lilienthal hat umfassend die Grundlagen der "Fliegekunst" erforscht und für diese Forschungen die ersten windkanalähnlichen Versuchsapparate gebaut. Seine Vorgehensweise war so präzise und wegweisend, daß die Aerodynamiker bis heute ihre Meßergebnisse nach dem gleichen System wie Otto aufzeichnen - im "Lilienthalschen Polardiagramm".

Seine größte Entdeckung lag jedoch auf dem Gebiet der Flugmechanik. Er erkannte, daß der Flug des Menschen nicht eine Kopie des Vogelfluges sein kann. Vögel verwenden zur Flugbahnstabilisierung Nerven und Muskeln, die im Laufe der Evolution für diese Aufgabe spezialisiert wurden. Dem Menschen steht dieser Regelmechanismus nicht zur Verfügung. Lilienthal begriff, daß er für die "Fliegekunst" ein anderes System zur Längsstabilisierung entwickeln mußte. Er erfand das Höhenleitwerk.

Doch damit nicht genug. Auf der Basis seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse konstruierte er Gleiter und brachte sich das Fliegen selbst bei. Im Museum kann der Besucher die Steuerung der Lilienthal-Gleiter ausprobieren und mit der Steuerung von Hängegleitern und Gleitsegeln vergleichen. So ganz nebenbei patentierte er Dampfkesselkonstruktionen, er erfand den ersten genormten Bausteinekasten ähnlich den heutigen "Lego"-Spielklötzen und führte in seiner Dampfkesselfabrik Ende des 19. Jahrhunderts (!) die Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer ein.

Erst nach einigen Stunden verlassen wir das Museum. Unser Führer Gert Rüdiger Chudaske äußert zum Abschied eine Bitte: Manches interessante Flugmodell, manche untaugliche Antriebsidee, manch unbrauchbar gewordenes UL oder Heißluftschiff wird wehmütig "entsorgt". Besser ist es, das Lilienthal-Museum anzurufen. Im Depot dieser einzigartigen Sammlung wird auch ein alter "Soarmaster" zu einem Mosaiksteinchen der Luftfahrtgeschichte.

Bis spät am Abend sitzen wir in einer gemütlichen Kneipe und diskutiere über "Otto". Wären wir auch ohne seine Arbeit mit unseren Trikes von Regensburg nach Anklam geflogen?

Am folgenden Morgen ist am Flugplatz ein Treffen des Anklamer Trabi-Clubs. Zwischen hunderten von Trabant in allen Farben und Ausführungen rollen unsere ENDURO's zu Piste, die Trabis grüßen mit einem infernalischen Hupkonzert. Das Wetter ist schlechter als angekündigt, ein starker Westwind kündigt eine Front an, es ist saukalt.

Wir bezweifeln ernsthaft, ob der Fliegesport unter diesen Umständen "die gesundeste aller Erholungen im Freien" ist und schalten vorsichtshalber die heizbaren Anzüge an. Den geplanten Abstecher nach Peenemünde lassen wir fallen und steuern direkt zum Flugplatz Rechlin-Lärz.

Rechlin war im "tausendjährigen Reich" die bedeutendste Erprobungsstelle der Luftwaffe. Hier wurden die ersten Strahlflugzeuge der Welt getestet. Nur ein vergessener Jäger aus DDR-Zeiten erinnert an die glanzvolle Vergangenheit dieses Platzes. Die Flugleitung organisiert für uns einige Tassen heißen Kaffe, Sprit gibt es keinen.

Der weitere Heimflug führt nach Nauen, zum Flugplatz "Alte Schäferei". Mogas gibt es auch hier nicht. Wieder einmal sind wir froh über die große Reichweite unserer ENDURO's. Abends erreichen wir Halle-Opin. Der Wirt des Flugplatzgasthofs bringt uns und die ausbaubaren Tanks zu einer Tankstelle.

Am folgenden Morgen geht es Nonstop zurück nach Griesau. Dort stellen wir bei einem abschließenden Glas Weißbier hochzufrieden fest: "Wir haben im Winter die Fliegekunst nicht verlernet."

 

Tips für Piloten: (Alle Angaben unverbindlich)

Gesamtreisestrecke etwas weniger als 1200 km, Flugstrecke etwa 1300 km.

Griesau Grasplatz. Öffnungszeit PPR. Avgas.

Gera-Leumnitz Öffnungszeit im Sommer 0800-2000 LT. Avgas.

Magdeburg Öffnungszeit LT 0600-1800. Avgas. Mogas an einer Tankstelle nur ca. 300 m vom Platz entfernt. Gute Unterstellmöglichkeiten für die Maschinen (Höhe auch für Trikes ausreichend).

Kyritz Öffnungszeit Sommer LT 0800-1800. Avgas.

Anklam Öffnungszeit LT 0800-1800. Avgas. Mogas an einer Tankstelle direkt am Platz, die jedoch nicht immer besetzt ist. Gute Unterstellmöglichkeiten für die Maschinen (Höhe auch für Trikes ausreichend).

Rechlin-Lärz (Müritzflugplatz) Öffnungszeit LT 1000-1800.

Nauen-Alte Schäferei Grasplatz. Öffnungszeit Sommer 1000-2000. Avgas.

Halle-Oppin Öffnungszeit Sommer LT 0800-2000. Avgas. Tankstelle nur mit längerer Autofahrt erreichbar. Unterstellmöglichkeiten für die Maschinen nur manchmal gegeben (Höhe auch für Trikes ausreichend).

 

Lilienthal-Museum Ellbogenstr. 1 17389 Anklam

Öffnungszeit: Sommer Di.-Fr. 1000-1700 So., Fei. 1400-1700 Tel. 03971-5500 Winter Di-Fr. 1000-1600 Fax 03971-83555 So., Fei. 1400 - 1700

 

Auszug aus einem Artikel Zur Flugfrage von Otto Lilienthal

Sollte es dazu kommen, dass das Durchsegeln der Luft auch vorläufig nur als interessante Belustigung und angenehme Körperübung sich einbürgert, so wäre in einem derartigen Fliegesport wohl die gesundeste aller Erholungen im Freien geschaffen und dadurch die Reihe der Mittel zur Bekämpfung moderner Culturkrankheiten um eins der wirkungsvollsten vermehret.

(Prometheus, IV Jahrgang, 1893)

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