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Einmal
Gulaschsuppe Veröffentlicht 1995 in "Flügel der Welt" 3 |
Andreas Schmidtler, Fluglehrer und Besitzer der UL-Flugschule München, flog mit einigen Freunden in 3 Tagen im Trike nach Ungarn und zurück. Was er dabei erlebte schildert er in dem nachfolgenden Artikel.
Ich möcht' mal solange fliegen, bis ich nicht mehr fliegen mag" philosophiert Sigi, Besitzer eines ENDURO in der Long-Range-Version am Abend nach einem der ersten Flugtage der Saison, "solange, bis mich das Fliegen nervt, so richtig weit, nach Slowenien, nach Dänemark in die Slowakei, zum Mond oder sonstwohin - oder nach Ungarn ...
Das Stichwort war gefallen:
Die Idee, geboren aus dem Frust langer Wintermonate, geht uns in den folgenden Wochen nicht mehr aus dem Sinn. "Am Dienstag, den 15. August ist ein Feiertag, das verlängerte Wochenende fliegen wir nach Ungarn - und zurück."
Sigi plant spontan seinen Jahresurlaub nach dem 15. August (natürlich in Ungarn) und Hermann schließt sich an. Bernd und Manfred, genannt "Doc", wollen an dem verlängerten Wochenende ebenfalls fliegen: "Ungarn, OK, warum nicht?" Mit 5 ENDURO's, alle in der Long-Range-Version, wollen wir die Strecke angehen.
Am Samstag, den 13. August starten
Bernd und Doc in den Morgenstunden als erste. Die beiden wollen
zuerst nach Budweis in Tschechien und am Nachmittag weiter nach Wien. Da ich
am noch einige Überland-Schüler am Platz habe verzögert sich
der Abflug für Sigi, Hermann und mich.
Gegen 16 Uhr sind die ENDURO's aufgetankt, die Satteltaschen gefüllt und die in Österreich erforderlichen ELT eingebaut, wir starten. Eine "Grenzerlaubnis im Einzelfall" ermöglicht es, von unserem Platz direkt nach Österreich auszufliegen.
Bei leichtem Gegenwind erreichen wir Wels in Oberösterreich kurz vor Platzschluß, wickeln die Grenzformalitäten ab und starten nach Seitenstetten in Niederösterreich. Seitenstetten liegt zwar nur etwa 45 Flugminuten von Wels entfernt, aber der kleine Grasplatz ist für unser 1000-Sterne-Hotel (im Schlafsack unter der Fläche) besser geeignet als der große Zollplatz Wels.
Eine Außenlandung
Nach der Landung erreicht uns eine Hiobsbotschaft: Bernd hatte einige Kilometer vor der tschechisch-österreichischen Grenze Probleme mit seinem Rotax. Mit etwas Glück und Thermik konnte er Österreich erreichen, mußte aber dort notlanden. Pilot und Gerät waren OK, aber an einen Weiterflug war nicht zu denken.
Da für den grenzüberschreitenden Flug ein Flugplan lief, wurde die Gendarmerie benachrichtigt. Ein Streifenwagen rückte aus, Papiere wurden kontrolliert und ein Protokoll war aufzusetzen.
Bei der Reparatur stellt sich später heraus, daß bei dem 582er-Vorserienmotor (noch ohne kontaktloser Zündung) ein Kabel am Zündgenerator gebrochen war. "Nach 1200 Flugstunden ohne Störung darf der Motor schon mal streiken", so der lakonische Kommentar von Bernd. Pech, daß der Schaden gerade bei diesem Flug und im hintersten Winkel Österreichs auftreten mußte.
Uns bringt die Flugleitung in Seitenstetten in ein typisches Heurigenlokal, Beim Abendessen wird mit einigen Viertelen auf den Pechvogel angestoßen, der viele Stunden Bahn- und Autofahrt vor sich hat, ehe er und die Maschine wieder in Deutschland sind.
Am nächsten Tag belohnt uns ein ruhiger Morgenflug nach Völtendorf bei St. Pölten für das frühe Aufstehen. Dort treffen wir Doc, um gemeinsam nach Bad Vösslau südlich von Wien weiterzufliegen.
Dies ist der einzige schwierige Streckenabschnitt der Reise. Er führt über die östlichen Ausläufer der Alpen mit großen Waldgebieten und wenigen, nur kleinen Notlandeplätzen. Weil die Einflugschneise des internationalen Airport Wien Schwechat die Flughöhe limitiert haben wir die Berge meist nicht unter, sondern neben den Tragflächen; zusätzlich schaukelt uns die Mittagsthermik kräftig durch. Jeder ist froh, als das Wiener Becken auftaucht und die Flugleitung in Bad Vöslau einen Direktanflug genehmigt.
Tanken, eine Tasse Kaffe und ein Stück Kuchen, Flugplanabgabe, Grenzformalitäten, alles soll möglichst rasch und gleichzeitig gehen, wir wollen sofort weiter über die ungarische Grenze. Zwischendurch werden neue, manchmal sogar gute Vorschläge diskutiert zu dem UL-Dauerthema "wie falte ich meine Karte optimal".
In Ungarn sind alle Überlandflüge mit ständigem Funkkontakt zu Budapest Information durchzuführen. Wir geben deshalb den Flugplan als "Formation" auf. Ich spiele den Formationsleader.
Nach dem Start gibt uns Bad Vöslau Info weiter an die Flugsicherung in Wien Schwechat. Die direkte Route nach Siofok ist nicht zulässig, wir müssen zuerst nach Stein, etwa eine Stunde im Süden. Erst dann werde ich von Wien Schwechat weitergereicht nach Budapest Information und melde mich "... this is Delta Mike Alpha Zulu Zulu, formation, four Ultralights VFR from Bad Vöslau to Siofok, position Stein, 2000 feet." In perfektem Ungarnenglisch antwortet Budapest.
Die erste Stunde Flugzeit über Ungarn ist beinahe langweilig, eine flache Ebene mit riesigen Feldern, kleinen Ortschaften und Straßen. Etwa alle 15 Minuten meldet sich Budapest und verlangt eine Positionsmeldung, die der Controller mit "Thank You Delta Zulu Zulu" quittiert.
Am Balaton
Langsam schälen sich die dem Balaton vorgelagerten Hügel aus dem Dunst. Kleine Seen tauchen auf. Einige dieser Seen, an deren Ufer offensichtlich chemische Industrie angesiedelt ist, zeigen abschreckende Farben, gelb, giftgrün und pechschwarz. Ein absonderlicher kleiner Vulkankegel mit einer aufgesetzten Burg wird sichtbar und verschwindet nach einigen Minuten hinter unseren ENDURO's.
Wir
überfliegen die teilweise mit Wein bepflanzten Hügel und
plötzlich sehen wir in rötlichen Licht des Spätnachmittages
von Horizont zu Horizont den größten See Mitteleuropas, den
Balaton. Trotz seiner enormen Längenausdehnung ist dieser
Steppensee nur 15 Meter tief. In linder Abendstimmung
überfliegen wir ihn an seiner schmalsten Stelle, denn unser Ziel
Siofok liegt am südöstlichen Ufer. Budapest Information
verabschiedet sich, wir rasten unsere Funkgeräte auf den nahen
Zielplatz und bedauern, daß dieser wunderschöne Flug zu Ende
geht.
Bei einem guten Abendessen verabschieden sich die Freunde, Sigi und Hermann werden hier Ihre Familien treffen und Urlaub machen. Für Doc und mich beginnt morgen der Heimflug.
Wir vermeiden die Sprachprobleme, die bei Wetterinformationen im Ausland auftreten können, auf eine simple Art. Wir rufen Met München an. Die Münchner Wetterfrösche weisen zwar regelmäßig darauf hin, daß sie keineswegs zuständig sind, geben dann aber das Wetter wie gewohnt durch. Herzlichen Dank Met München!
Am Montag, den ersten Tag des Rückfluges, praktizieren wir wieder diese Methode. Ich kann förmlich durch das Telefon fühlen, wie der Meteorologe ein bedenkliches Gesicht zieht. "Eine von Westen kommende Kaltfront hat Oberösterreich erreicht. Wenn Sie sofort starten und schnell genug sind können Sie vor der Front in Wien sein. Wenn Sie Pech haben ist die Front vor Ihnen da, dann können Sie nur umkehren und zurück nach Siofok."
"Oder mit Flugplan außenlanden", setze ich in Gedanken hinzu, "und den ganzen Zirkus mit der Gendarmerie absolvieren."
Bei den folgenden Startvorbereitungen zeigt sich die Top-Qualität unseres Materials. Die Modultanks unserer ENDURO's sind mit wenigen Handgriffen ausgebaut. Während ich den Flugplan aufgebe besorgt Doc an der nächsten Tankstelle Sprit. Tanks einhängen, Packtaschen an das Gerät zippen, Overalls anziehen, Start. 20 Minuten nach der Wettermeldung sind wir in der Luft und das Rennen gegen die Front beginnt.
Wir gewinnen mit knappem Vorsprung. Die Front hat die Alpenausläufer erreicht und sich dort festgehängt. Die ersten Vorboten sind in Bad Vöslau, als wir dort mit 20 Knoten Bodenwind landen. Ehe wir zum Zoll und zur Flugleitung gehen werden die Trikes im sicheren Hangar eingestellt. Jetzt kann das Unwetter kommen.
Bei ähnlichen Bedingungen habe ich hier im vergangenen Jahr 3 Tage festgesessen. Die Zimmersuche beschränkt sich deshalb auf ein Telefongespräch mit dem bereits bekannten Hotel.
Heimfahrt mit der Bahn?
Bei strömenden Regen gehen wir ins Bett und dieser strömende Regen weckt uns auch am Dienstag auf. Nach ausgiebigem Frühstück schultern wir trotzdem die Packtaschen und machen uns auf den Weg zum Flugplatz. Wenn bis 12 Uhr keine Chance zum Start zu sehen ist, so haben wir beschlossen, treten wir den Heimweg mit der Bahn an. Die Trikes werden dann später zurückgeflogen.
Die Piloten am Flugplatz Bad Vöslau kennen die Situation, die uns blockiert. Auf der Alpennordseite ist bereits fliegbares Rückseitenwetter, aber in den Alpenausläufern hängen noch Schauer fest, so daß kein Durchkommen vom Wiener Becken nach Norden ist. Sie geben uns einen Tip. Nach den Schauern und vor dem Einsetzen des starken Windes ist es etwa eine Stunde lang möglich, über das Helenental die Alpennordseite zu erreichen.
Um 12.30 Uhr wird der Regen schwächer, die Trikes sind aufgetankt und startfertig. Die Meteorologen in Wien-Schwechat bestätigen, am Alpennordrand ist VFR-Wetter. Nur eine halbe Stunde Flugzeit trennt uns davon.
Um 13 Uhr steigt die Wolkenbasis an, wir starten. Wir haben vorher abgesprochen, daß wir sofort umdrehen oder außenlanden, wenn die Gefahr besteht, die Erdsicht zu verlieren.
Aus Sicherheitsgründen rasten wir die Frequenz von Wien-Schwechat. Die Controller versuchen uns zu helfen und geben eine Flughöhe bis 3000 feet frei, aber die Wolkenbasis hängt viel tiefer. Glücklicherweise steigt die Basis jedoch mit jeder Flugminute, mit jeder Meile wird die Sicht besser. Nach 15 Minuten ist sicher, hier kommen wir gefahrlos durch. Nach 30 Minuten haben wir die Berge hinter uns, vor uns liegt Niederösterreich.
Unsere Freude erhält mehrere Abkühlungen. Einige kurze, aber heftige Schauer waschen die Trikes und uns. Nur unsere heizbaren Anzüge verhindern bei der kalten Rückseitenluft ein auskühlen, sie ermöglichen es, trotz mehrerer "Waschanlagen" weiterzufliegen. In einem Stück geht es bei steigender Sicht, nachlassenden Regenfällen und stärker werdenden Gegenwind vorbei an St. Pölten, Seitenstetten und Steyer bis nach Wels.
In Wels ist eine Grenzabfertigung und der letzte Flugplan unserer Reise fällig. Nach wenigen Minuten sind wir in Richtung Eggenfelden wieder in der Luft. Dort gibt es eine Tasse Kaffee und nochmals eine Grenzkontrolle. Kurz vor Platzschluß starten wir zu letzten Etappe der Reise, eine knappe Flugstunde, reine Routine.
Reine Routine?
Kurz nach dem Start meldet sich Doc am Funk. "Ich glaub, der Wind ist schon wieder stärker geworden, mein GPS gibt eine Flugdauer von 90 Minuten."
Die lächerlichen 30 Minuten mehr bringen nochmals unseren Heimflug in Gefahr. Irgendwann ist auch die Reichweite unserer Long-Range-ENDURO's erschöpft, ich schätze, dies wird so in etwa 70, höchstens 80 Minuten der Fall sein.
Nach kurzem Funkkontakt landen wir auf unserm Nachbarplatz Dingolfing. "Bitte tanken, 5 Liter reichen". Sofort starten wir wieder.
5 Minuten vor Sunset landen wir in Griesau, wo wir 3 Tage vorher losgeflogen waren. Mir erscheint es, als wären wir 3 Wochen unterwegs gewesen. Und Sigi - er ist vom Fliegen immer noch nicht genervt.
Tips für Piloten (alle Angaben unverbindlich)
Griesau: Grasplatz, Öffnung PPR, Avgas
Wels: mehrere Bahnen, Öffnungszeit Sommer 0800 - 2000 LT, ständig Zoll, Anflug über Pflichtmeldepunkte (Anflugkarte), Mogas und Avgas
Seitenstetten: Grasplatz, Öffnungszeit PPR, Mogas und Avgas
Völtendorf: Grasplatz, Öffnungszeit PPR
Bad Vöslau: mehrere Bahnen, Öffnungszeit Sommer 0900 - 2030 LT, ständig Zoll, Anflug über Pflichtmeldepunkte (Anflugkarte), Mogas und Avgas
Siofok Kiliti: größerer Grasplatz, Öffnungszeit Sommer 0700 - SS LT, Im Sommer ständig Zoll, Avgas
Eggenfelden: Öffnungszeit 0900 - 1900 LT, ständig Zoll, Avgas
Dingolfing: Grasplatz, Öffnungszeit PPR, Avgas, nur manchmal Mogas
In Österreich ist ein ELT vorgeschrieben