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Träume Veröffentlicht 1997 im DULV-Info |
Im Sommer 1996 flogen einige UL-Piloten mit dem Trike von Süddeutschland über die hohen Tauern nach Kärnten. Bernd Schmidtler schrieb über den Flug den nachfolgenden Artikel für das DULV-Info.
Als wir etwa 1981 mit dem RANGER M
die ersten Hüpfer aus dem Platzbereich wagten kam die Idee auf.
Ein Flug über die Alpen müßte eine traumhafte Sache sein.
Nicht über die Alpenausläufer westlich von Wien, auch nicht
entlang der bei den PPL-Piloten beliebten Talroute
Salzburg-Niederöblarn-Bruck oder über den Brenner, sondern
direkt über den Alpenhauptkamm, geradlinig nach Süden, die
"Direttissima" über den höchsten Berg Österreichs,
den Großglockner.
Damals waren die Gedanken an einen solcher Flug bestenfalls ein phantastischer Traum, den wir beim Rotwein diskutierten. Der RANGER hatte in jenen Tagen einen Solo-Motor mit etwa 12 PS, die Steigleistung konnten wir in Zentimeter pro Viertelstunde messen und Ausflüge endeten häufig mit einer Außenlandung.
Der Traum blieb trotzdem.
Daß sich dieser Traum mit einem Trike verwirklichen läßt habe ich Jahre später bei Flügen entlang des Alpenhauptkammes gesehen, aber der lang beabsichtigte Überflug hat nie geklappt. Irgendwas kam immer dazwischen, mal war das Wetter nicht gut, mal fehlte die Zeit oder es lag in den Hochtälern soviel Schnee, daß auf lange Strecken keine Notlandeplätze erreichbar gewesen wären.
Im Juni 1996 haben wir uns zu einem UL-Ausflug an einem Wochenende verabredet. Wir, das sind "Doc" Manfred Lucas, Harry Müller-Szoturma und ich. Harry, stolzer Besitzer eines brandneuen ENDURO XC in der Long-Range-Version, will erstmals mit uns in's Ausland fliegen. Die Wetteraussichten sind bescheiden, etwas Großes ist bei dem Wetter nicht drin. Für einen Flug nach Budweis oder Pilsen sollte es aber reichen. Wir wollen uns Freitag Nachmittag treffen.
Mitte der Woche ist erkennbar, daß
weiß-der-Teufel-woher ein Riesenhoch die zweifelhaften
Wetterprognosen wegwischt. Doc will bereits am Donnerstag
startfertig sein und auch ich nehme für den Freitag Urlaub.
Einige Telefongespräche klären die letzten Zweifel, der Traum
könnte wahr werden. Diesmal paßt alles. Die Schneegrenze liegt
bei 2500 m, der Flugplatz Zell am See hat Zollabfertigung und
Benzin, die Flugleitung heißt uns mit den ULs willkommen.
Der Flug über den Glockner kann aber nur dann klappen, wenn sich Harry rechtzeitig einfindet. Er ist beruflich im Ausland, keiner weiß, wann er zurückkommt. Allerspätestens am Freitag um 16.30 Uhr müssen wir in Griesau starten, sonst ist der Zoll in Zell am See nicht mehr erreichbar und der Großglocknerflug bleibt weiterhin ein Traum.
Als Harry endlich nach halbfünf mit dem zerlegten Trike auf dem Hänger eintrifft ist klar, wir werden nicht um 16.30 Uhr in der Luft sein. Eine knappe Flugstunde nach Eggenfelden, dort (mindestens) 30 Minuten für die Zollabfertigung und weitere 2 Flugstunden nach Zell am See, das ist bis 20 Uhr nicht möglich. Ade Hohe Tauern.
Aber Träume beflügeln die Phantasie, wir finden eine Möglichkeit. Während Harry und ich die Maschine aufbauen, fliegt Doc mit unseren Pässen nach Eggenfelden und erledigt die Zollformalitäten. Harry und ich landen dort mit einer halben Stunde Verspätung. Im Laufschritt geht's für die unvermeidliche Unterschrift zum Tower und Minuten später sind wir wieder in der Luft. Wir haben es geschafft, die Verspätung ist aufgeholt.
Vorbei am Chiemsee und am Segelflug-Eldorado Unterwössen erreichen wir die Berge. Über den Klobenstein-Paß und Kössen fliegen wir nach St. Johann, die gewaltigen Felswände des wilden Kaiser glänzen im Gegenlicht. Die geplante Route über Kitzbühel und Mittersill lassen wir rechts liegen, der direkte Weg über Leogang ist landschaftlich kaum weniger attraktiv und spart ein paar Minuten. Tief unter uns werden die Schatten am Grießenpaß länger. Als wir Funkkontakt mit Zell am See aufnehmen färbt sich das Steinerne Meer, der Watzmann und der Hochkönig im Abendlicht rot. Auf die Minute genau bei Platzschluß setzen wir die Trikes auf die Piste.
Die Österreicher beweisen ihre Gastfreundschaft, kein Flugleiter motzt und kein Zöllner mosert, weil drei "Fetzenflieger" genau zum Feierabend landen. "Paßt schon" sagt der Flugleiter, als wir uns entschuldigen. Wir binden die ENDURO's an die Erdanker und suchen eine Unterkunft.
Normalerweise hätten wir bei einem guten Rotwein noch lange über den großartigen Abendflug geplaudert, aber heute sind wir eigenartig ruhig. Es überwiegt eine Stimmung, wie ich sie vom Bergsteigen am Vorabend großer Touren kenne. Jeder weiß, so grandios unser heutiger Flug auch war, es war nur die Einleitung.
Am folgenden Morgen stehe ich gegen 5 Uhr zum ersten mal am Fenster. Wie zu erwarten liegt in den hohen Tauern eine geschlossene Wolkendecke. Von vielen Bergtouren weiß ich, dies ist kein Anzeichen für schlechtes Wetter. Bei einer stabilen Hochdrucklage kühlt nachts die Gipfelregion des Hochgebirges stark ab, es bilden sich Wolkenfelder. Sie werden sich am frühen Vormittag auflösen, spätestens gegen 11 Uhr ist der Spuk verschwunden. Der Flugplatz macht sowieso erst um 9 Uhr auf. Was will ich eigentlich hier um 5 Uhr am Fenster?
Nach dem Frühstück bestätigt sich der österreichische Ruf als teueres Urlaubsland. Für die Übernachtung löhnt jeder von uns knappe 150,- DM, für den Liter Avgas zahlen wir 3,- DM. "Das erleichtert die Kasse und alles, was uns erleichtert, bringt noch besseres Steigen" kommentiert Doc humorvoll das Loch in der Reisekasse.
Die Sonne schafft gerade die ersten kleinen Lücken in der Wolkendecke, als wir mit unseren ENDURO's zur Runway rollen. Über dem weiten Pinzgauer Tal spielen wir "wer steigt besser". Harry hat ein Vario, geschickt nützt er die schwache Thermik der ersten Sonnenflecken. Mangels Vario verlasse ich mich voll auf mein Gefühl, beim geringsten Zupfen einer Ablösung kreise ich ein und gewinne ein paar Meter Vorsprung. Doc liegt auf einem ehrenvollen Platz 3. Für ihn ist es ein unfairer Wettbewerb, seine D-MLML war schon über 1000 Stunden in der Luft, während Harry und ich nahezu neue Maschinen fliegen. Weit unter uns versuchen einige "Blechflieger" Höhe zu gewinnen.
Wie eine riesige Schlange windet
sich die Glocknerstraße aus dem Grund des Tales zum Fuscher
Törl, dem ersten Übergang der Glocknerstraße. Links liegt die
Edelweißspitze mit mehr als 2500 m. Vor uns versperrt der
Fuscher Karkopf mit seinem großen Gletscherbecken den Blick auf
den Großglockner. "Hexenküche" werden die Hänge des
Fuscher Tales genannt. In der Anfangszeit des Drachenfliegens war
ich dort irgendwann mit einem Rogallo in grauslichen Turbulenzen.
Damals habe ich mir den Namen gemerkt, ich fand ihn überaus
passend.
Heute früh ist die Luft ruhig. Wir steigen über dem Fuscher Talboden bis auf etwa 3000 m. Die Almwiesen im Talgrund unter uns geben das beruhigende Gefühl sicherer Notlandeplätze Erst als wir auch im benachbarten Tal Notlandeplätze im Gleitwinkelbereich erkennen, wechseln wir hoch über dem Fuscher Törl auf die Südostseite der Edelweißspitze und fliegen nach Süden.
Inzwischen ist auch der Glockner
sichtbar. Deutlich hebt sich in seiner eisgepanzerten Nordflanke
eine gigantische Eisrinne hervor, die berühmte
Pallavicini-Rinne. Sie nimmt an dem messerscharfen Grat zwischen
Großglockner und Kleinglockner ihren Anfang und stürzt mit
atemberaubender Steilheit mehr als 1000 Höhenmeter in den für
uns noch verdeckten Pasterzengletscher
Wir haben längst die erforderliche Höhe, um im Gleitflug über den zweiten Paßübergang der Glocknerstraße, dem sogenannten Hochtor, ins Mölltal auf der Südseite zu kommen. Die Dreitausender der nördlichen Tauern liegen klein und unbedeutend unter uns. Wir steigen weiter. Wir wollen uns dem riesigen Massiv des Glockners von Angesicht zu Angesicht nähern. Dazu müssen wir auf nahezu 4000 Meter.
Die Leistung der Maschinen mit ihren Rotax-Motoren ist verblüffend. Obwohl die große Flughöhe deutlich Leistung kostet, schieben uns die Zweitakter noch immer mit mehr als 3 Meter Steigen nach Süden. Nicht mangelnde Motorleistung würde die Höhe begrenzen, sondern die Temperatur. Auch mit unseren heizbaren Anzügen und dicken Kombis wird langsam die Kälte spürbar.
Als wir das Hochtor überfliegen, ändert sich schlagartig das Panorama. Bisher lag die unwirtliche Welt der Kare und Gletscher des Hochgebirges unter uns. Nun öffnet sich der Blick weit in das Mölltal und nach Heiligenblut. Rechts unter uns taucht der Pasterzengletscher auf. Am nördlichen Rande der Pasterze schlängelt sich eine Stichstraße von der Glocknerstraße bis an den ehemaligen Gletscherrand und endet in einem abgrundhäßlichen, riesigen Parkhaus. Über allem steht der Glockner und die Granatspitzgruppe.
Mehr noch als bei früheren Flügen
wird mir klar, was für ein phantastisches Werkzeug zum
Luftwandern und "Welt anschauen" ein Trike ist. Ich
sitze in einem drehbaren Lehnstuhl weit über den Gipfeln und
genieße die atemberaubende Aussicht. Der Himmel über mir hat in
dieser Höhe ein tiefes Dunkelblau, nur am Horizont findet er zu
seiner normalen Farbe zurück. Nichts begrenzt die Sicht, der
Bügel vor mir dient zum Schwenken der Landschaft vor meinem
offenen Panoramasessel. Behutsam schiebe ich den Bügel nach
links, mein fliegender Sitz dreht sich nach rechts, das Mölltal
und Heiligenblut verschwinden am Bildrand, das Kitzsteinhorn, das
Wiesbachhorn und das Pinzgau tauchen auf. Ehe der Glockner mein
Blickfeld verläßt drehe ich die Aussichtsplattform sanft
zurück, das grüne Mölltal, überragt von den Lienzer
Dolomiten, kommt wieder ins Bild. Fliege ich oder träume ich das
nur?
Als ich zum Wechseln des Films die Handschuhe ausziehe wird mir die Kälte bewußt. Innerhalb von Sekunden sind die Finger steif. Ich bin froh, als der neue Film in der Kamera ist und die Hände wieder in den schützenden Handschuhen stecken.
Wir ziehen in einem großen
Linksbogen in Richtung auf die Pasterze und dann talauswärts
nach Süden. Dem Großglockner, dessen Gipfel inzwischen auf
unserer Höhe liegt, werden wir uns nicht weiter nähern. Der
Nationalpark Hohe Tauern verbietet dies.
Deutlich ist das Erzherzog-Johann-Haus auf der "Adlersruhe" zu erkennen, eine an den Felsen geschmiegte Unterkunftshütte an der Ostflanke des Kleinglockners. Hinter dieser Ostflanke verbirgt sich der Stüdlgrat, eine der schönsten Felsklettereien, die ich kenne. Wir drehen nach Südosten. Die Südseite des Glockners mit der Stüdlhütte, dem Dorfertal und dem wunderschönen Ort Kals werden wir nicht berühren. Die Rücksichtnahme auf den Nationalpark erfordert ein Abdrehen. Später haben wir erfahren, daß sich (leider) nicht alle Piloten an diese vernünftige Spielregel halten.
Mit minimalem Gas gleiten wir in einem unendlich langen Sinkflug durch das obere Drautal.
Die weitere Strecke ist "nur" ein ganz normaler Superflug. Wir haben noch etwa 2 Stunden bis zur Landung. Die brauchen wir auch, um aus der Traumwelt langsam wieder auf die Erde zurückzufinden. Lienz lassen wir rechts liegen und folgen der Drau. Vorbei an Klagenfurt und dem Ossiacher See steuern wir den kleinen Grasplatz Feldkirchen an.
Feldkirchen ist so, wie sich ein UL-Pilot einen Flugplatz wünscht. Es gibt Benzin, ein prima Mittagessen in strahlender Sonne, zur Nachspeise den typischen österreichischen Kaiserschmarrn und Kaffee.
Am Nachmittag fliegen wir über Mayerhöfen, Zeltweg und Trieben nach Niederöblarn. Die Route ist simpel. Sie bietet einen Alpenübergang mit Flughöhen von unter 1500 m, wieder "nur" ein ganz normaler Superflug.
Auch Niederöblarn ist ein Bilderbuchplatz. Wir bekommen Sprit, einen Hangarplatz und einen guten Tip für eine (bezahlbare) Übernachtungsmöglichkeit.
Der folgende Tag bringt noch mal
einen Glanzpunkt. In Niederöblarn verlassen wir den
"Talweg", der über Salzburg oder Zell am See
zurückführen würde. Wir steigen auf knapp 3000 m und fliegen
vorbei am Hallstätter See, am Attersee und am Traunsee nach
Norden. Die Eindrücke über diesen tiefen, dunklen Bergseen sind
anders, sanfter und geheimnisvoller, als die Empfindungen am
Vortag im gleißenden Licht der Gletscher. Der Flug ist aber
nicht weniger phantastisch.
Der Rest ist Routine. Im Flachland nach Schärding, dort Zoll machen, weiter nach Eggenfelden zum deutschen Zoll und dann heimwärts nach Griesau.
"Na, wie war's?" werden wir dort von den Kameraden empfangen. "Gut" ist die Antwort. Was sollen wir auch sonst sagen. Träume kann man nicht erzählen.
Für unseren Freund Doc war es einer der letzten großen Flüge. Er verstarb am 6. Februar 1997. Unsere Fliegerei wird in Zukunft ärmer sein.
Tips für Piloten: (Alle Angaben unverbindlich)
Gesamtreisestrecke Luftlinie etwas mehr als 600 km, Flugstrecke etwa 900 km.
Griesau Grasplatz. Öffnungszeit PPR. Avgas.
Eggenfelden Öffnungszeit im Sommer 0900-1900 LT. Avgas. Zoll zur Betriebszeit.
Zell am See Öffnungszeit im Sommer LT 0800-2000. Avgas. Zoll zur Betriebszeit.
Feldkirchen Öffnungszeit Sommer LT 0900-SS. Avgas und Mogas.
Niederöblarn Öffnungszeit PPR. Avgas. Hangarplätze "immer wenn der Platz reicht" (Höhe auch für Trikes ausreichend).
Schärding-Suben Öffnungszeit Sommer Mo.-Fr. 1000-1800 LT, Sa.-So. 1000-SS. Avgas und Mogas. Zoll zur Betriebszeit.
Osterreich verlangt beim Einflug einen Notsender (Crash-Sender, ELT).
Hinweise für Alpenflüge
Der Einflug in den Alpenraum sollte nur von erfahrenen UL-Piloten durchgeführt werden. Piloten mit Drachenflugerfahrung in den Alpen wissen, worauf es ankommt.